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Edelmetalle
Urban Mining: Wie Recycling einen neuen Goldrausch in Japan auslöst

Die Goldindustrie geht mit der Zeit. Einer der weltweit größten Anbieter setzt auf recycelte Edelmetalle. Die Schätze aus dem Müll bringen hohe Umsätze.

27.12.2019 | von Martin Kölling

Gold © Reuters

Tokio Am Eingang von Japans größter Gold- und Silbermine ziehen Besucher Hausschuhe an. Statt einer Bergmannstracht erhalten sie einen weißen Kittel, eine Kappe ersetzt den Helm. Denn hier in der Küstenstadt Hiramitsu werden die Edelmetalle nicht der Erde abgerungen, sondern in Fässern und Kisten angeliefert. Willkommen in der Recyclinganlage von Tanaka Precious Metal, einem der größten Goldanbieter der Welt.

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In der Annahme stehen Kistenweise Silberplatten mit etwa zehn Zentimeter großen Löchern. Das bestärkt die Gerüchte, die in Japan jeder glaubt, die Goldanbieter Tanaka aber nicht bestätigen will. Wie schon bei den Olympischen Spielen 1964 wird das Unternehmen wohl auch für die Spiele 2020 die Gold- und Silbermedaillen liefern.

Tanaka übernimmt damit eine nationale Mission. Das Ziel der Gastgeber ist, Urban Mining, also Recycling von Metallen aus dem Müll der Konsumgesellschaft, einen Podestplatz zu bieten. Alle Gold- und Silbermedaillen werden aus recyceltem Edelmetall hergestellt. Die Tokioter Stadtregierung hat als Werbe- und Erziehungskampagne daher eine große Sammelaktion für Smartphones gestartet. Über Recyclingfirmen, die die Geräte zerteilen, fließen die verbauten Metalle dann zu Tanaka.

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Das Unternehmen beteiligt sich nicht aus Selbstlosigkeit an der Aktion, sondern hat natürlich Gewinne im Sinn. „Vielleicht sind urbane Minen der nächste Goldrush“, sagt Andrew Farry, ein führender Manager der Abteilung für Katalysatorrecycling des Unternehmens. Denn urbane Minen seien überall und würden mit dem exponentiellen Boom an Unterhaltungselektronik und Smartphones wachsen.

Die großen urbanen Goldfunde finden in Ländern mit guten Recyclingsystemen statt, erklärt Farry: „Japan und Deutschland sind sehr stark.“ Die Europäische Union hat prinzipiell die Exporte von Giftmüll verboten, die USA hingegen führen noch immer sehr viel Elektroschrott aus.

Hohe Umsätze, niedrige Rendite

Außerdem gibt es einen finanziellen Anreiz, die Schätze im Müll zu heben. „Im Markt gibt es wegen des hohen Goldpreises ein großes Interesse“, sagt Farry. Der Goldpreis ist zwar nach einem Rekord im Jahr 2011 zwischenzeitlich massiv gefallen. Doch seit 2016 haben sich die Preise wieder um rund 40 Prozent auf rund 1500 US-Dollar pro Unze erholt. Und verglichen mit den Goldwäschern während der Goldräusche im Amerika des 19. Jahrhunderts wissen die Schürfer, wo sie suchen müssen und wie hoch ihr Ertrag ist.

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Gerade Geräte mit Halbleitern benötigen vergleichsweise viel Edelmetall. Die Leitungen in Chips werden zum Beispiel aus hauchdünnen Goldfäden gelegt. Doch auch andere Edelmetalle wie Platin spielen eine wichtige Rolle, zum Beispiel in Katalysatoren für Dieselautos. Und die wiederzugewinnen lohnt sich aus mehreren Gründen immer mehr.

Die Abfälle müssten zwar vorbehandelt werden, sagt Noriaki Hara, Tanakas Geschäftsführer für Marketing und Entwicklung. „Aber der Anteil an Edelmetallen ist in der Regel höher als in Erzen.“ Zudem liegen die Vorkommen genau dort auf der Straße, wo sie auch wieder verwendet werden. Und in dem Geschäft zählt jede Unze, denn der Handel mit teuren Metallen ist bilanztechnisch nicht sehr profitabel.

Die Umsätze sind zwar hoch, weil die Produkte der Edelmetalllieferanten teuer sind. Doch im Schnitt beträgt die Umsatzrendite nur 0,8 bis 1,5 Prozent, so Tanakas Manager Hara. In Tanakas Fall sind es 1,3 Prozent. Anders gesagt: 106 Millionen Dollar Gewinn auf einen Umsatz von 8,4 Milliarden Dollar.

„Ein anderer Vorteil ist, dass wir unsere Abhängigkeit von Minen reduzieren“, erklärt Tanakas Experte. Dabei geht es offenbar nicht nur um Geld und Umweltschutz, sondern auch um Versorgungssicherheit. Große Lieferanten stammen aus Südafrika und Russland und damit aus Ländern, die höhere Geschäftsrisiken bergen. Denn der Bedarf an Edelmetallen wird eher zunehmen als schrumpfen. Das verdeutlich schon Tanakas Produktportfolio.

Chancenbringer E-Auto

15 Prozent des Umsatzes der Japaner trägt Gold als Vermögenswert in Form von Münzen und Barren bei, 15 Prozent die eigene Schmuckabteilung. Der Rest verteilt sich auf industrielle Anwendungen, von den erwähnten Halbleiterleitungen über Platin für Brennstoffzellen, die aus Wasserstoff und Sauerstoff Strom herstellen, bis hin zu Grippe- und Schwangerschaftstests. Das darin verbaute Gold reagiert auf Viren oder Hormone und verfärbt sich dann.

Dabei geht auch die Goldindustrie mit der Zeit. Man bietet nicht mehr nur Ware an, sagt Hara. „Wir sehen uns als Solution-Provider für Edelmetalle.“ Die hauseigenen Ingenieure helfen beispielsweise ihren Kunden, den Anteil von teuren Edelmetallen zum Beispiel in Katalysatoren oder Brennstoffzellen für Autos zu senken. Oder sie entwickeln Verfahrenstechnik für das blitzschnelle Verlöten der Goldleitungen auf Computerchips – oder sie erklären die Markttrends.

Große Chancen sehen die Japaner in elektrifizierten und autonomen Autos. Die Autoindustrie ist generell ein dankbarer Kunde. Edelmetalle aus Tanakas Portfolio kommen nicht nur in Zündkerzen und Einspritzsystemen zum Einsatz, sondern auch in einer wachsenden Anzahl von Sensoren, Chips und elektrischen Motoren. Und auch Elektroautos benötigen für ihre Batterien viele Kabel. „Je mehr Hightech Autos verwenden, umso wichtiger werden Edelmetalle“, sagt Hara.

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