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Inflationssorgen
Türkische Notenbank senkt den Leitzins erneut – Lira rutscht fast fünf Prozent ab

Investoren rennen davon, Exporteure freuen sich: Die türkische Notenbank gehorcht weiter dem Staatspräsidenten. Dabei vergrault er damit vor allem seine eigenen Wähler.

18.11.2021 | von Ozan Demircan

Türkische Lira © Reuters

Istanbul Die türkische Zentralbank hat die Sorgen wegen eines weiteren Verfalls der Landeswährung und einer höheren Inflation befeuert: Die Notenbanker senkten den Leitzins am Donnerstag von 16 auf 15 Prozent. Damit hat Gouverneur Sahap Kavcioglu die Zinsen zum dritten Mal in Folge gesenkt – trotz einer Inflationsrate von knapp 20 Prozent.

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Die Entscheidung war von Ökonomen erwartet worden. Die türkische Lira sackte nach der Ankündigung um bis zu knapp fünf Prozent ab. Gegenüber dem Dollar fiel die türkische Landeswährung bis auf 11,2850 Lira, im Verhältnis zum Euro um rund fünf Prozent auf bis zu 12,7894 – beides sind Höchststände. Die größte Börse des Landes, die Borsa Istanbul, drehte nach der Ankündigung aus Ankara leicht ins Minus.

Durch die Zinssenkung liegen die Leitzinsen fast fünf Prozentpunkte unter der Inflation von zuletzt 19,9 Prozent, der Realzins liegt somit entsprechend deutlich im negativen Bereich. Für Investoren wird die Türkei dadurch noch unattraktiver.

Zwar können Unternehmer einfacher Kredite aufnehmen, und auch diejenigen türkische Firmen profitieren, die in den Dollar- oder Euro-Raum exportieren, da ihre Produkte im Ausland günstiger werden. Allerdings steigen auch die in Fremdwährung geführten Verbindlichkeiten. Importprodukte werden angesichts stark steigender Preise weniger erschwinglich.

Diese gefährliche Spirale trifft vor allem sozial Schwache sowie die Mittelschicht des Landes. Sie sind es, die seit dem Amtsantritt des heutigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor knapp 20 Jahren zu Wohlstand gekommen waren. Jetzt ächzen sie unter immer weiter steigenden Preisen für Lebensmittel sowie der immer höheren Strom- und Gasrechnung.

Erdogan will gegen die „Zins-Plage“ in der Türkei kämpfen

„Das ist ein buchstäblich verrückter Schritt, der die Lira in Gefahr bringt“, kommentierte Analyst Tim Ash vom Vermögensverwalter BlueBay Asset Management. Die Landeswährung Lira rutschte nach Bekanntgabe der Entscheidung um drei Prozent zum Dollar auf 10,98 ab. „So entsteht kein Vertrauen“, kritisierte der Chefökonom der VP Bank, Thomas Gitzel, die Entscheidung der Zentralbank.

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Erdogan mischt sich immer wieder unmittelbar in die Geldpolitik des Landes ein. Unter seinem Druck hat die Währungsbehörde ihren Leitzins seit September in zwei aufeinanderfolgenden und unerwarteten Schritten um 300 Basispunkte auf zuletzt 16 Prozent gesenkt.

Erdogan selbst sagte am Mittwoch vor der Fraktion seiner islamisch-konservativen Regierungspartei AKP in Ankara: „Wir werden die Zins-Plage von den Schultern unseres Volkes nehmen“ – und wiederholte damit sein unorthodoxes Mantra, dass die Zinsen die Ursache für höhere Verbraucherpreise seien.

„Wir werden definitiv nicht zulassen, dass Zinsen unser Volk in die Knie zwingen“, sagte er. „Solange ich in diesem Amt bin, werde ich meinen Kampf gegen die Zinsen bis zuletzt weiterführen. Und ich werde auch meinen Kampf gegen die Inflation fortführen.“ Mit Befürwortern von hohen Zinsen könne er nicht zusammenarbeiten. Das Problem: Mit dieser Attitüde vergrault er diejenigen, die ihn einst gewählt haben.

Niedrige Zinsen, gepaart mit hoher Inflation und ständigen Interventionen Erdogans, erschüttern das Vertrauen der Investoren in die Türkei. Das lässt sich bereits seit Monaten am Kursverlauf der türkischen Lira aufzeigen, die in den vergangenen Tagen erneut von einem Rekordtief zum nächsten getaumelt ist.

Die Lira hat in diesem Jahr gegenüber dem Dollar fast 30 Prozent und allein in diesem Quartal mehr als 15 Prozent verloren. Die Währung weist damit die schlechteste Performance unter allen wichtigen Devisen auf, die von Bloomberg erfasst werden.

Den Staatspräsidenten scheint das nicht zu kümmern: Er bleibt bei seiner Linie – und beklagt zudem, dass Investoren trotz negativer Realzinsen davonliefen. „Was seid ihr für Menschen?“, sagte er am Mittwoch.

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