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Immobilien
Stadtflucht in Frankreich: Tausche Appartement gegen Villa

Nach den Erfahrungen in der Coronakrise träumen die Pariser vom Haus im Grünen. Auf dem Land freuen sich Immobilienmakler über unzählige Kundenanfragen.

22.08.2020 | von Tanja Kuchenbecker

Hafenstadt Saint Malo bei Ebbe © ddp/FoodCentrale/Reda&Co.

Paris „Métro, boulot, dodo“: Dieser Spruch, der sich in den 1960er-Jahren in Paris verbreitete, beschreibt den stressigen Alltag des Pendlers aus dem Großraum der französischen Großstadt, der nur aus Metro, Arbeit und Schlafen besteht. Durch die hohen Immobilienpreise waren viele gezwungen, in der Vorstadt zu wohnen. Wer außerhalb der Stadt lebte, wurde jahrzehntelang mitleidig betrachtet. Pariser schworen auf Paris und ihr Viertel.

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Doch durch den fast zwei Monate dauernden Lockdown in der Corona-Pandemie ist diese Überzeugung ins Wanken geraten. Wer ein Haus im Grünen besitzt, flüchtete. Die anderen saßen in ihren winzigen Pariser Wohnungen, in denen sich oft zwei oder drei Kinder ein Zimmer teilen, ohne Garten und ohne Terrasse, während die Parks geschlossen waren. Gearbeitet wurde im Homeoffice auf engstem Raum.

Doch zugleich wurde es unnötig, jeden Tag an den Arbeitsplatz zu fahren. Und die Regierung will das Arbeiten zu Hause – soweit es möglich ist – weiterführen. Das brachte die Pariser auf neue Gedanken: Das Wohnen außerhalb von Paris im Grünen wurde attraktiv – zumal es viel günstiger ist und mehr Lebensqualität verspricht. Eine wahre Stadtflucht hat eingesetzt.

Drei Tendenzen lassen sich dabei erkennen. Die Pariser zieht es erstens ins Umland, dorthin, wo es landschaftlich schön ist und keine sozialen Probleme zu erwarten sind. Zweitens beobachten Experten einen Ansturm auf Städte, die rasch mit dem Schnellzug TGV zu erreichen und in denen die Immobilienpreise günstig sind. Und drittens sind Immobilien an der Küste gefragt, die eher als Zweitwohnsitze gewählt werden. Besonders Selbstständige und Angestellte in höheren Positionen planen ihren Auszug.

Knappes Angebot und günstige Preise

Im Pariser Umland ist vor allem der Süden um Fontainebleau nun beliebt. Dort ist es landschaftlich sehr schön, es gibt gute Schulen, und die Preise sind längst nicht so hoch wie im Westen von Paris um Versailles. Landhäuser in den Dörfern um Fontainebleau gibt es schon ab einem Quadratmeterpreis von 2500 Euro. Wenn man dafür seine Wohnung in Paris verkauft, wo der Durchschnittspreis bei über 10.000 Euro pro Quadratmeter liegt, kann man sich ein großzügiges Anwesen leisten.

In gut einer Stunde gelangt man von seinem Haus im Grünen ins Herz von Paris. Das bringt viele zum Träumen. Das Wirtschaftsmagazin „Challenges“ zeigt die Orte im Umland auf, von denen man nicht länger als eine Stunde nach Paris braucht, darunter Fontainebleau (4200 Euro pro Quadratmeter), Meaux (2800 Euro) oder Plaisir (3000 Euro). „Die eng besiedelte Stadt ist schon länger nicht mehr so beliebt, nun hat sich der Trend durch den Lockdown verstärkt“, sagt Pierre Bentata, Ökonom der Unternehmensberatung Asterès. Wer Homeoffice machen kann, schaue sich nach einem Domizil im Grünen um.

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Die zweite Tendenz ist die Flucht mit Blick auf die Zuganbindung. Die Tageszeitung „Le Figaro“ stellte eine Liste der mittelgroßen Städte im Land auf, die besonders attraktiv sind, weil sie günstig und schnell mit dem TGV zu erreichen sind.

An erster Stelle steht Angoulême in Mittelfrankreich, gefolgt von Poitiers (Mittelfrankreich) und Quimper (Bretagne). Laut einer Studie von Cadremploi für „Le Figaro“ wollen sieben von zehn Personen, die im höheren Dienst arbeiten, im Grünen leben und arbeiten. Befragt wurden von Cadremploi, einer Vermittlungsagentur für Manager, 1130 Personen, bewertet wurden unter anderem Immobilienpreise, Lebensqualität und Infrastruktur der Städte.

In Angoulême kostet der Quadratmeter laut Notariatskammer nur 1230 Euro, in Poitiers 1590 Euro und in Quimper 1520 Euro. Die meisten Jobs für Besserverdiener seien zwar in der Metropole zu haben, „aber diese drei Städte befinden sich in Gegenden, in denen es Arbeitsplätze gibt, die Infrastruktur und die Umgebung stimmt und die Immobilien günstig sind“, erklärt Elodie Franco Da Cruz, die Verantwortliche der Studie.

Es folgen weitere Städte wie Arras mit 1550 Euro pro Quadratmeter, Tours mit 2120 Euro pro Quadratmeter und Rennes mit 2880 Euro pro Quadratmeter. Alle sind weniger als zwei Stunden Zugfahrt mit dem TGV von Paris entfernt. Attraktiv sind außerdem Le Mans (1650 Euro), Nancy (1750 Euro), Angers (2180 Euro), Bourges (1390 Euro) und Orleans (1970 Euro). Die meisten Städte übersteigen kaum die Marke von 2000 Euro pro Quadratmeter.

Wen es an die Küste zieht, der hat vor allem die Regionen an der Atlantikküste im Visier, besonders die Bretagne. Um den Golf von Morbihan bei Vannes, wie in Saint-Quay-Portrieux in der nördlichen Bretagne unweit von Saint Marlo oder Le Conquet nördlich von Quimper, ist der Ansturm auf Ferienhäuser groß.

Auch Orte, die vorher weniger gefragt waren, wie Saint-Brieuc in der Nähe von Saint Malo, laufen gut. „Wir erreichen historische Verkaufsmengen“, sagt Sylvain Cresteaux von der Agentur Guy Hocquet in der Region von Saint-Brieuc.

Kleine Häuser mit Garten sind besonders gefragt. Die Häuser kosten im Durchschnitt 150.000 Euro. In zahlreichen Regionen verkaufen sich Objekte in einer Woche, berichten die Immobilienspezialisten der Bretagne. Die Preise in der Region sind innerhalb eines Jahres um über sechs Prozent gestiegen, an der Küste liegen sie im Durchschnitt bei 2577 Euro. Der günstigste Ort an der bretonischen Küste ist Goulien in der Nähe von Quimper mit 1193 Euro, so der Immobiliengutachter Meilleurs Agents.

Im Juni nach dem Shutdown zogen die Verkäufe in französischen Badeorten um 50 Prozent an, im Juli um 35 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie Eric Allouche, Chef von Era Immobilier, sagt. Auch das Baskenland ist gefragt. Die Pariser sind hier besonders an Saint-Jean-de-Luz bei Biarritz interessiert, mit durchschnittlichen Preisen von 5400 Euro pro Quadratmeter.

Die Besitzer von Häusern dagegen ziehen Verkaufsvorhaben zurück, weil sie eine zweite Coronawelle befürchten. „Wir haben deshalb nicht genug Immobilien zu verkaufen“, klagt Allouche. Was auf dem Markt ist, wird ohne Verhandlungen verkauft.

An der sonst so begehrten und teuren Côte d’Azur aber, wo meist Ausländer als Käufer auftraten, läuft es derzeit weniger gut. Potenzielle Käufer befürchten, dass sie mit den Restriktionen in Europa ihre Ferienhäuser nicht nutzen können oder diese weniger gut zu vermieten wären.

Und so machen sich die dortigen Immobilienmakler Sorgen und fragen sich, ob ihre Region in den kommenden Monaten und längerfristig noch interessant sein wird. Franzosen lassen sich nämlich noch nicht einmal jetzt am Markt blicken: Preise von 12.000 Euro pro Quadratmeter in vielen Orten schrecken sie dann doch ab.

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