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Fotografie
Claudia Fährenkemper: Stahlmonstrum voll auf der Platte

Die Fotokünstlerin Claudia Fährenkemper hat als Porträtistin des deutschen Tagebaus Fotogeschichte geschrieben. Nach über 40 Jahren zieht sie eine vorläufige Bilanz.

22.09.2022 | von Christiane Fricke

Steinheim Riesige Stahlmassen – immense Dimensionen, wenn man neben einem solchen (halbfertigen) Bagger steht. Irre Perspektive“, notierte Claudia Fährenkemper am 29. April 1990 in ihr Tagebuch. Selbst mit einem 65 mm-Objektiv habe sie Schwierigkeiten, das Gerät voll auf die Platte zu bekommen. „Ein Stahlmonstrum!“ Mit unendlich vielen Details, Schrauben, Nieten, Platten, Stangen, Gittern und Seilen.

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Fährenkemper steckt damals mittendrin in den Vorbereitungen ihrer Werkserie über den Tagebau. Zehn Monate lang begleitet sie mit 20 Kilo Fotogepäck die Montage der gigantischen Konstruktion. Sie will alles fotografieren, was für die Funktionsweise und die Arbeitsabläufe wichtig ist, auch die Details und die Umgebung, durch die der Abraum und die Kohle auf Förderbändern transportiert werden.

Als Tochter eines Bergmanns hatte die Künstlerin das Aus für die Steinkohle erlebt; nun die Konflikte um den Braunkohletagebau. Sie ist dabei, als das Dorf Garzweiler mitsamt seiner schönen neugotischen Kirche abgerissen wird. Und als sie ihr Fotoprojekt endlich abschließen will, ist die Wende da, und damit die Chance, auch noch die Tagebau-Reviere um Leipzig und Cottbus fotografisch zu erschließen.

Themen des Artikels

Fährenkemper sieht, welcher Energiehunger gestillt werden will. „Physisch wurde mir bewusst, was der Mensch macht, um Energie zu gewinnen. Und was dabei unwiederbringlich verloren geht.“ Damals geht es vor allem um die Umweltzerstörung. Heute sehen wir zusätzlich den Kampf um knappe Ressourcen und die Folgen des Energiehungers für Klima und Wirtschaft, vor allem in Zeiten des Kriegs in der Ukraine.

Erstaunlich ist: Welche Themen Fährenkemper in den vergangenen vier Jahrzehnten auch in Angriff genommen hat: Viele von ihnen erlauben, sie vor dem Hintergrund brisanter ökologischer und gesellschaftlicher Entwicklungen zusammen zu betrachten. Ihre Insektenporträts, die sie ab 1996 unter dem Rasterelektronenmikroskop aufnimmt, bekommen angesichts des Insektensterbens zusätzliches Gewicht.

Auf die winzigen, mit Chitinpanzern „gerüsteten“ Lebensformen folgen ab 2011 die Porträts historischer Rüstungen. Sie wirken im Angesicht des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine hoch aktuell.

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Mit Porträts von Bäumen hatte sich die Künstlerin bereits in den 1980er-Jahren beschäftigt. Ein Thema, das sie jüngst nach ihrem Umzug in die sehr alte Kultur- und Naturlandschaft an den Ausläufern des Eggegebirges noch einmal aufgegriffen hat. Nun aber liegt ein Schwerpunkt auch auf dem besonderen Charakter versehrter Exemplare.

Im Prinzip arbeitet Fährenkemper den Charakter von Dingen und Lebewesen, und inzwischen auch von Menschen heraus. Sie ist im besten Sinne eine Porträtistin. Das bestätigt der Blick in das jüngst im DCV Verlag erschienene, retrospektivisch angelegte Werkbuch „kontextforschung“.

Porträts für eine Ahnengalerie des Mikrokosmos

Die Künstlerin selbst sieht die Anfänge bereits in den „Porträts“ der riesigen Fördergeräte. „Auch wenn ich aufgrund ihrer waagerechten Ausdehnung nicht das klassische Porträtformat für sie nutzen konnte“, ergänzt Fährenkemper.

Bei den Ultraschallporträts von 1994 habe sie dann die vom Bildschirm abfotografierten waagerechten Bilder bewusst ins klassische Porträt-Hochformat gebracht, um die unsichtbaren Föten „als Persönlichkeiten zu charakterisieren“. „Die Insektenköpfe fotografierte ich von hinten mit Kopf und Halsschild, um sie formal als Porträts von Individuen wie eine Ahnengalerie des Mikrokosmos zu präsentieren.“

Claudia Fährenkemper hat Kunst- und Geografie für das Lehramt in Neuss und Fotografie an der Kölner Fachhochschule und an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. Bernd und Hilla Becher waren ihre Lehrer, zuletzt die Videokünstlerin Nan Hoover.

„Bernd Becher hätte sicher gerne gesehen, wenn ich bis an mein Lebensende Maschinen fotografiert hätte“, rekapituliert die Künstlerin. Nach zehn Semestern in Düsseldorf habe sie aber Meisterschülerin werden und das Studium abschließen wollen. „Mit der neuen Arbeit konnte er jedoch absolut nichts anfangen. Ich hatte die Ultraschallbilder aufgehängt. Und es gab keine Reaktion darauf.“

Streit gab es schon früher. Eine große Diskussion entstand, weil sich Fährenkemper für ihre Baggerfotos für das Panoramaformat entschieden hatte.

„Bernd Becher wollte den Fokus auf die Maschine. Das war ihm wichtig“, erinnert sie sich. „Ich habe aber gesagt: Nein. Es braucht auch die Landschaft, das Umfeld. Wir haben uns richtig gefetzt, weil ich auf dem Standpunkt stand, dass das Eine ohne das Andere nicht denkbar ist. Es sind ja keine feststehenden Gebäude, sondern riesengroße, zweihundert Meter lange und hundert Meter hohe Geräte, die 240.000 Kubikmeter Material pro Tag fördern. Und die bewegen sich dabei nach vorne, zur Seite, nach oben; sie bewegen sich in alle Richtungen.“

Wer sich das bisher öffentlich gemachte Werk anschaut, gewinnt den Eindruck, dass die unmittelbaren Folgen für die dort lebenden Menschen nicht bildwürdig waren. „Doch, es war bildwürdig“, kontert Fährenkemper. Aber wenn ich ein Thema für mich abgeschlossen habe, dann rühre ich es auch nicht mehr an. Damals dachte ich: „Ich will es nicht mehr fotografieren, ich halte das, was hier passiert, nicht mehr aus.“

Sie habe dann – nach fünf Jahren – einen Schnitt gemacht. „Wichtig ist für mich, dem Betrachter nicht gleich das Ergebnis meines Nachdenkens zu präsentieren. Er soll die Möglichkeit haben, sich in die Bilder zu vertiefen, um sich ein eigenes Bild zu machen; um eine eigene Meinung dazu zu entwickeln.“

In den Museen sind Werke von Claudia Fährenkemper häufiger zu sehen als auf dem Kunstmarkt, zuletzt im Rahmen der Neupräsentation der Sammlung im Kunstmuseum Bonn, aktuell in der SK Stiftung Kultur in Köln und demnächst in der Max Ernst-Schau im Kunstmuseum Bonn. Vertreten wird sie allein von Stephen Bulger im kanadischen Toronto. Er bietet ihre Arbeiten in Preislagen zwischen umgerechnet 1800 und 5400 Euro an.

Claudia Fährenkemper © Christiane Fricke

„Ich hatte Galerien; aber damit nicht immer Glück“, erklärt Fährenkemper. Gerd Schnakenwinkel, der seine Galerie in Rotenburg an der Wümme später schloss, sorgte dafür, dass ihre erste Monografie erscheinen konnte. Thomas Poller in Frankfurt fädelte 2018, lange nachdem er selbst schließen musste, den Kontakt zu Stephen Bulger ein.

Vorangegangen war der Ankauf dreier Arbeiten 2001 durch die National Gallery of Canada in Ottawa, vermittelt durch die amerikanisch-kanadische Fotografin Lynne Cohen, und die Teilnahme an der Gruppenausstellung der NGC „Fifty Years Collecting Photographs“ 2018.

Bereits im Januar 2020 gab es dann bei Bulger die erste Einzelschau. „Er hat das gemacht, weil er die Arbeit gut fand. Nicht, weil er mich kannte. Wir haben uns tatsächlich erst bei der Ausstellung kennen gelernt.“

„claudia fährenkemper: kontextforschung / context research 1980 – 2022“, mit Beiträgen von Ludger Derenthal, Ulrika Evers, Martyna Lesniewska und Patrick Mangelsdorff, 255 Seiten, 225 Abb., dt./engl., DCV Dr. Cantz’sche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Berlin 2022, 68 Euro. Auf der kommenden Paris Photo vom 10. bis 13. November ist die Galerie Stephen Bulger mit Arbeiten von Claudia Fährenkemper vertreten.

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