Login
Anzeige

Reeperbahn-Festival
Warum Musikfestivals finanzkräftige Hilfe von Investoren suchen

Auf Europas größtem Club-Festival diskutiert die Branche über die Zukunft der Festivals. Die Margen sinken, die Risiken steigen, kleine Veranstalter sind frustriert.

20.09.2019 | von Christoph Kapalschinski

Reeperbahn-Festival © dpa

Hamburg Matsch, Gitarrenwände und Headbanging: Das alljährliche Festival im norddeutschen Dorf Wacken wirkt weit über die Metal-Szene hinaus wie eines der letzten authentischen Spektakel. Unzählige Kamerateams tragen die Botschaft von der friedlichen Feier in die ganze Welt, selbst metalfremde Musiker von Jan Delay bis Heino schmücken sich mit einem Gastauftritt.

Anzeige

Doch was nach Anarchie aussieht, folgt einem festen Plan. Dass die 70.000 Karten in den vergangenen Jahren stets innerhalb eines Tages ausverkauft waren, ist auch ein gigantischer Marketing-Erfolg. So kümmert sich ein Social-Media-Team ganzjährig um die Fans. Darüber hinaus betreut das Festival den eigenen Fanclub „Full Metal Army“. Zudem arbeitet das Festival verstärkt mit Reiseveranstaltern zusammen – bis nach Lateinamerika und Japan.

Zu seinem 30. Jubiläum gilt das Festival für die Live-Entertainment-Branche bei ihrem europäischen Jahrestreffen, dem Reeperbahn-Festival, als ein leuchtendes Vorbild – und als Menetekel. In Hamburg diskutiert die Branche noch bis Samstagabend unter anderem, wie die Festivals in Europa nach mehreren Boom-Jahren ihre Entwicklung stabilisieren können.

Themen des Artikels

Steigende Kosten und sinkende Gewinnmargen machen den Betreibern zu schaffen – während zugleich Finanzinvestoren die Großveranstaltungen entdecken. Denn Konzerte sind mit deutlich über 3,6 Milliarden Euro Jahresumsatz in Deutschland ein echter Wirtschaftsfaktor.

Auch die erfolgreichen Wacken-Macher mussten beim Kongress des Reeperbahn-Festivals begründen, wieso sie einen Investor hinzugeholt haben. Im vergangenen Monat hatten sie die Mehrheit an ihrem Festival verkauft. Der offiziell als „Partnerschafts- und Investitionsvertrag“ bezeichnete Deal macht indirekt einen Finanzinvestor zum Großaktionär: Hinter dem neuen Partner Superstruct steht der 45 Milliarden Dollar schwere Investor Providence Equity Partners, der sich bei mehreren europäischen Festivals vom ungarischen Groß-Event Sziget bis zum Barcelonaer Sonar eingekauft hat.

„Zum heutigen Zeitpunkt ist es wichtig, das Festival abzusichern“, begründete Wacken-Mitgründer Thomas Jensen in Hamburg den Teilverkauf – trotz des im Bundesanzeiger ausgewiesenen Bilanzgewinns von 3,7 Millionen Euro für das Jahr 2017. Ihn treiben wie viele andere Veranstalter eher die Bilder als die Zahlen aus dem Sommer 2017 um: Damals mussten mehrere Festivals wegen Unwettern abbrechen, Rock am Ring litt unter einem Terror-Fehlalarm.

Trotz des glimpflichen Ausgangs wirkten die Ereignisse wie ein Schock auf die Branche, da sie ein Schlaglicht auf die finanziellen Risiken warfen. „Wir müssen alle Antworten auf die gleichen Fragen finden“, sagte Jensen. Das sei innerhalb einer Gruppe von Festivals einfacher.

Anzeige

Ähnlich sehen das offenbar etliche, bislang noch von den großen Spielern wie Live Nation und AEG unabhängige Veranstalter. Immer mehr Festivals suchen Anschluss an große Spieler. „Die Konsolidierung ist so stark wie nie“, warnte Mikołaj Ziółkowski, Geschäftsführer des größten polnischen Festival-Veranstalters Alter Art Agency. Seine These: Der Branche drohe das Platzen einer Blase. Bei stark steigenden Kosten für die Festivals sei mittlerweile die Schmerzgrenze bei den Ticketpreisen erreicht.

Besonders unter Rappern sah Ziółkowski härtere Verhandler: Den Interpreten in dem Genre gehe es häufiger als etwa Gitarrenmusikern in erster Linie darum, mit der Musik viel Geld zu verdienen. „Festivals dürfen nicht zur Melkkuh der Branche werden“, forderte er. Wenn bei einer ausverkauften Veranstaltung gerade einmal fünf Prozent Gewinnmarge blieben, sei das hohe Risiko der Veranstalter nicht angemessen bewertet.

Auch die großen Spieler sehen steigenden Druck. Enge Kalkulationen von Tourverträgen ließen oft keinen Raum mehr, um lokale Promoter miteinzubeziehen, sagte Live-Nation-DACH-Chef Matt Schwarz. Auch der Chef des deutschen Veranstalters FKP Scorpio, Stephan Thanscheidt, warnte vor galoppierenden Kosten. „Es sind nicht nur die Gagen. Die Kosten für alles andere explodieren ebenfalls“, sagte er. Die Tochter des Konzerns CTS Eventim veranstaltet etwa die Festivals Hurricane und Southside.

Neue Erlösquellen wie noch mehr Sponsoring, hochwertigere Food-Angebote und komfortable Camping-Bereiche gegen Aufpreis könnten helfen, die Erlöse hochzutreiben. Nach Schätzungen des Marktforschers Pollstar macht etwa das norddeutsche Hurricane-Festival mit seinen gut 76.000 Besuchern fast elf Millionen Euro Karten-Umsatz.

Zugleich ändere sich das Publikum – auch wegen des Erfolgs des Musik-Streamings etwa bei Spotify und Deezer. „Das junge Publikum verliert die Treue zu den Acts. Das liegt auch an der Playlisten-Kultur“, sagte FKP-Scorpio-Manager Thanscheidt. Trends variierten inzwischen innerhalb weniger Monate, bei Auftritten erwarteten die Leute wenige Hits statt ganzer Alben-Repertoires.

Eine ähnliche Entwicklung sieht Live-Nation-Manager Schwarz in der Beziehung zwischen Künstlern und Veranstaltern: Persönliche Beziehungen verlören an Wert, meint er. An die Stelle von legendären Künstler-Partnern wie dem inzwischen 73-jährigen Rock-am-Ring-Erfinder Marek Lieberberg treten starke, aber anonymere Veranstalter-Konzerne. „Die Notwendigkeit, eine persönliche Beziehung aufzubauen, nimmt ab“, sagte Schwarz, der jährlich 1500 Konzerte im deutschsprachigen Raum veranstaltet.

Der Wandel trifft besonders die oft idealistischen Macher kleinerer Boutique-Festivals. So hat der Macher des Mannheimer Maifeld Derby, Timo Kumpf, das Festival für 2020 abgesagt. „Ich mache seit neun Jahren damit rum und bin an einem Punkt angekommen, an dem es alleine nicht mehr weitergeht“, gestand er ein.

Seit vier Jahren stagniere das Festival, einen echten Gewinn habe es nie eingespielt, sagte der Bassist der erfolgreichen deutschen Band „Get Well Soon“. Weitergehen könne es ab 2021 nur, wenn sich das ändere, sagte er. Dazu sei eine öffentliche Förderung etwa durch die Stadt Mannheim nötig.

Allerdings kriseln auch ähnliche Festivals mit erfahrenen Veranstaltern. FKP Scorpio pausiert sein Lüneburger Familien-Festival „A Summer’s Tale“ ebenfalls. Die Macher des etablierten Indie-Festivals in Haldern am Niederrhein verzeichneten 2019 erstmals seit Jahren eine schleppende Kartennachfrage. „Es war interessant, dass man wie in den ersten Jahren wieder Plakate kleben musste“, versuchte Haldern-Chef Stefan Reichmann dem etwas Positives abzugewinnen.

Auch eine zum Reeperbahn-Festival veröffentlichte Langzeit-Umfrage weist auf eine gewisse Festival-Müdigkeit des Publikums hin: Laut der Studie der Universität Hamburg ist die Zahlungsbereitschaft der Musikhörer für ein Festival innerhalb des ersten Halbjahrs 2019 um zwei Euro auf 45,70 Euro gesunken – während sie für ein einzelnes Konzert-Event sogar 58 Euro ausgeben würden.

Mit mehreren Fachkongressen und dem Auftritt von 425 Bands und Künstlern entzieht sich der Branchentreff Reeperbahn-Festival selbst dagegen der Festival-Flaute – und hat sich fest etabliert.

Mehr: Spotify krempelt die Branche um: Statt Singles und Alben entscheiden Playlists über den Erfolg von Künstlern. Einblick in die neue Musikwelt.

Weiterlesen...

Anzeige
ICO/Audio-Play@1,5x stop „@1x